Der Urahne unseres Kulturapfels

Über den Blog von Permaculture.at bin ich auf einen äußerst interessanten Dokumentarfilm gestoßen: Alte Gene für neue Äpfel widmet sich der Kulturgeschichte des Apfels. Die Reise geht ins Hochgebirge Tian Shan in Kasachstan wo vor 165 Millionen Jahren vermutlich die ersten Apfelbäume der Erde wuchsen. Malus Sieversii heißt dieser asiatische Wildapfel der erst 1989 wiederentdeckt wurde.

Aus der Programmbeschreibung von Arte: Die Frucht, die es in verschiedenen Farben und Geschmacksvarianten gibt, ist nicht nur essbar, sondern äußerst schmackhaft. Zudem hat der Wildapfel eine außergewöhnliche Resistenz gegen Krankheiten entwickelt. Die Dokumentation versucht, hinter das Geheimnis dieser Resistenz zu kommen.

Der ursprüngliche Apfel besitzt eine Genkombination, die im Laufe seiner Domestikation und auf der Reise nach Europa verloren ging. Mittlerweile wird versucht durch Kreuzungen Äpfel wieder Resistenz gegen Krankheiten wie den Apfelschorf zu machen. Weiterlesen

Streuobstwiesen – Artenreicher Lebensraum aus Menschenhand

Dieser Gastbeitrag samt Fotos ist von Julia Kropfberger vom Naturschutzbund OÖ (Facebook). Er entstand auf Anregung von Linz Pflückt – unter anderem um den Anspruch der Linzer Obstbaumgärten genauer zu erläutern – und erzählt von der Artenvielfalt von Streuobstwiesen.

Der Begriff Streuobstwiese bezeichnet eine traditionelle Form des Obstbaus, bei der halb- bis hochstämmige Obstbäume verschiedener Alters- und Größenklassen – mehr oder weniger verstreut – auf einer Wiese stehen. Charakteristisch für Streuobstwiesen ist auch der Artenreichtum an Obstbäumen: Bunt gemischt gedeihen hier Apfel- und Birnbäume neben Kirschen-, Zwetschken-, Walnuss- und Mispelbäumen, jeweils in regionaltypischen Sorten. Der Unterwuchs wird meist als Mähwiese oder Viehweide genutzt.

Streuobstwiese_Fruhling_Foto_J_Kropfberger

Streuobstwiesen zählen zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas – unter der Voraussetzung, dass die Nutzung der Streuobstwiese extensiv und ohne Einsatz von Pestiziden erfolgt. Durch die Kombination von Wiese und Baum finden verschiedensten Pflanzen- und Tierarten ein besonders großes Spektrum an unterschiedlichsten Lebensräumen.

Vor allem das reiche Nahrungsangebot lockt das ganze Jahr viele Tiere in die Streuobstwiese: Im Frühjahr übt die Obstblüte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Wildbienen und andere Insekten aus. Danach bieten die Wiesenpflanzen und die austreibenden Blätter der Bäume genügend Nahrung für Vegetarier.
Später im Jahr locken die heranreifenden Früchte nicht nur Wespen und Schmetterlinge mit ihrem süßen Duft an.
Das üppige Vorkommen von Kleinlebewesen und pflanzlicher Nahrung ist Grundlage für eine große Lebensgemeinschaft verschiedener Wirbeltiere: viele verschiedene Vogelarten wie Grünspecht und Wendehals, aber auch Igel, Feldhase und andere Säugetiere finden hier einen Lebensraum.
Selbst das abgestorbene Holz der Bäume steht auf dem Speiseplan von Totholz-Spezialisten wie dem Juchtenkäfer.
Im Winter bessern viele Vögel wie Wacholderdrossel oder Seidenschwanz das karge Futterangebot durch den einen oder anderen am Baum verbliebenen Apfel auf.

Von der Wurzel bis zur Baumkrone beherbergen Obstbäume Lebensstätten für verschiedenste Lebewesen: Asseln, Milben, Fadenwürmer und Springschwänze fühlen sich auf und unter der Obstbaumrinde wohl. Flechten und Moose siedeln sich am Stamm an. Im Geäst bauen Vögel ihre Nester. Die Baumhöhlen alter Obstbäume sind Brutplatz für Steinkauz, Gartenrotschwanz und Wiedehopf – wenn sie nicht schon von Hornissen, Fledermäusen oder dem Siebenschläfer besetzt sind. Die mächtigen Kronen der Bäume werden als Singwarten oder als Ansitzplätze für die Jagd benutzt.

Streuobstwiese_Foto_J_Kropfberger

Neben der ökologischen Funktion erfüllen Streuobstwiesen weitere wichtige Aufgaben: Streuobstwiesen gliedern die Kulturlandschaft, prägen und verschönern das Landschaftsbild und steigern dadurch den Erlebnis- und Erholungswert für uns Menschen.
Sie bremsen den Wind, produzieren Frischluft und wirken ausgleichend auf das Kleinklima. Ihre Wurzeln verhindern die Bodenerosion und spielen daher insbesondere auf Hanglagen eine wichtige Rolle. Der Unterwuchs vermindert die Auswaschung von Nährstoffen in tiefere Bodenschichten. Daher dienen vor allem extensiv bewirtschaftete Streuobstbestände dem Grundwasserschutz.

Nicht zuletzt liefern sie Futter in Form von Gras und Heu für die Haustiere und gesundes, vitaminreiches Obst für den Menschen.

Beeindruckend ist die große Vielfalt der Obstarten (Apfel, Birnen, Kirschen, Walnuss, Zwetschken, Eberesche, Mispel, Haselnuss usw.) und -sorten, welche man in Streuobstwiesen finden kann. Die geschätzte Zahl an Kultivare – Sorten/ Formen/Sippen – in Österreich liegt bei: Äpfel 400-500; Birnen 100-150; Kirschen 40-50; Weichsel 20-30, Zwetschke 100-150. Streuobstwiesen sind daher auch eine wichtige Genreserve für die Pflanzenzucht.

Die Bewirtschaftung von Streuobstwiesen ist durch den hohen Aufwand bei Pflege und Ernte oft zeit- und arbeitsintensiv, kann aber durch den Einsatz, zum Beispiel von Obstsammelmaschinen, bis zu einem gewissen Grad rationalisiert werden.
Die Mühe lohnt sich alle Mal. Das geerntete Obst kann vom Menschen auf vielfältige Weise genützt werden: zur Herstellung von Säften und Most, zum Brennen von Schnäpsen, als Dörrobst, zur Herstellung von Marmelade, Mus, Kompott, Essig oder als Tafelobst.

Durch veränderte Anbaumethoden im Inland und Billigimport von Obst für die Fruchtsafterzeugung aus dem Ausland sowie dem Mehr an Arbeit bei Pflege und Ernte, die mit dem Streuobstwiesenbau verbunden ist, ist dieser Lebensraum bei uns heute stark gefährdet – und mit ihm zahlreiche, typische Streuobstwiesenbewohner wie Steinkauz, Wendehals und Wiedehopf.
Der Rückgang der Streuobstwiesenflächen in Mitteleuropa zwischen 1965 und 2000 wird auf ca. 70 % geschätzt! Die verbliebenen Bestände sind oftmals vergreist und lückig, da absterbende Bäume nicht mehr ersetzt werden. Bestehende Obstwiesen werden oft kaum gepflegt. Vor allem Streuobstwiesen im Randbereich von Dörfern fallen der Siedlungstätigkeit zum Opfer.

Durch Erhalt von Streuobstwiesen und Neupflanzung von regionaltypischen Obstbaum-Sorten, aber auch durch den Kauf von regionalen Streuobstwiesen-Produkten kann man diesen einmaligen Lebensraum samt seiner Bewohner schützen.

Obstbaumgärten als „Bewusstseinsbildung für eine wertvolle Grundlage unserer Ernährung“

Dieser Artikel wurde von Dipl.-Ingin Barbara Veitl speziell für Linz Pflückt verfasst. Sie ist Leiterin der Stadtgärten Linz und gibt in diesem Beitrag einen persönlichen Einblick in die Geschichte und den Anspruch der Linzer Obstbaumgärten.

Obstbaumgarten Margarethen am Freinberg

Blick auf den Obstbaumgarten Margarethen am Freinberg

In den 90-iger Jahren hatte die Naturkundliche Station die Idee aus Gründen der Erhaltung der Artenvielfalt historische Obstbaumsorten zu pflanzen. Einige Jahre vergingen doch im Jahr 1998 fanden die Stadtgärten eine passende Fläche am Freinberg und der erste Linzer Obstbaumgarten entstand.
Er enthält auf einer Fläche von ca. 7.700 m² Apfel, Birne, Kirsche, Quitte, Maulbeerbaum und Wildobstgehölze inmitten einer artenreichen Streuobstwiese.

Wieder vergingen einige Jahre doch die Idee der Obstbaumgärten wurde in den Stadtgärten nicht vergessen sondern weiter verfolgt. Wir wollten alte Obstsorten für die Zukunft erhalten und sie auch der Bevölkerung nahe bringen.

Liste aller Sorten im Obstbaumgarten Margarethen am Freinberg.

Liste aller Sorten im Obstbaumgarten Margarethen am Freinberg.

Obstbäume und Obststräucher haben wir immer schon gepflanzt, aber hauptsächlich in Kindergärten und Schulen, denn wir meinen dass Obstgehölze ein wesentliches Element der Gartenkultur sind, das einfach zum vollständigen Spektrum auch der städtischen Gärten gehört. Auch viele Nussbäume wurden in die Linzer Parks integriert und die Nüsse werden gerne gesammelt.
Doch nicht immer waren Obstbäume willkommen, oft wurde der Wunsch geäußert sie wieder weg zu schneiden da sie Dreck machten.

So sind wir auf die Idee gekommen sie nicht einzeln in den Parks zu integrieren, da wir oft mit ansehen mussten wie dort schönes reifes Obst ungenutzt am Boden lag.
In eigenen Obstbaumgärten, an passenden Stellen so meinten wir würden sich solche Beschwerden nicht ergeben und wir hofften dass sich Menschen finden würden die das Angebot schätzten.

Denn auch der Obstbaum, ein Element der Gartenkultur mit langen historischen Wurzeln – manche Sorten sind ja Jahrhunderte alt – lebt nur weiter wenn seine Früchte von den Menschen geschätzt und angenommen werden.

Auch mir persönlich war es ein Anliegen Obstbaumgärten zu schaffen.

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Tafel des Obstbaumgarten Hummelhofwald

 

2007 war es wieder soweit, der Obstbaumgarten Hummelhofwald konnte auf einer Wiese im Park nahe dem Eingang Kefergutstraße gesetzt werden. Eine Klasse der Dr.-Ernst-Kore-Schule feierte mit uns die Eröffnung. Der Obstbaumgarten Hummelhofwald ist nur klein, auf einer Fläche von 1.500 m² wurden 11 Apfelbäume gesetzt. Doch besser klein als gar nichts. Später kam noch ein Maulbeerbaum dazu.

Noch kleiner war der im Folgejahr angelegte Obstbaumgarten Feuerwache Nord: auf 450 m² pflanzten wir 9 Apfelbäume und eine Zwetschke.

Update 2018: Der im Jahr 2008 angelegte Obstbaumgarten Feuerwache Nord ist NICHT mehr öffentlich zugänglich.

2009 folgte ganz in der Nähe der Obstbaumgarten Biesenfeld auf 1.000 m² mit 12 historischen Apfelsorten.

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Tafel Obstbaumgarten Biesenfeld

2013 wurde auf 11.000 m² der bisher größte Obstbaumgarten am Kampmüllerweg begründet, diesmal mit Schwerpunkt auf Steinobst – 55 Bäume – und viele Wildobstarten.

Alle Obstbaumgärten sind öffentlich ganzjährig zugänglich. Eine Tafel am Eingang gibt Aufschluss über die dort vorhandenen Obstsorten. Die Bäume selbst sind mit Etiketten gekennzeichnet.

Der Obstbaumgarten Freinberg steht schon im Ertrag. Bei den anderen muss man noch ein paar Jahre Geduld haben.

Ein Apfelbaum lebt etwa 100 Jahre. Die alten Sorten sind robust und gut an unser Klima angepasst. Sie brauchen wenig Pflege, erhalten aber von unseren GärtnerInnen einen Erziehungs- und Aufbauschnitt. Sonst wachsen sie von selbst.
In den vielen Sorten ist ein großer Genpool enthalten. Das könnte interessant und wertvoll werden wenn sich Klimabedingungen ändern, denn je größer die Vielfalt umso leichter die Anpassungsmöglichkeit.

Was möchten wir mit den Obstbaumgärten noch erreichen?
Für die Menschen, dass sie die Vielfalt des Obstes das bei uns wächst im natürlichen Umfeld kennen lernen können. Bewusstseinsbildung für eine wertvolle Grundlage unserer Ernährung
Kostenloses Ernteerlebnis (in Haushaltsmengen) von natürlich gewachsenem Obst frisch vom Baum. Erlebnis der unterschiedlichen Aromen, keine Sorte schmeckt gleich wie die andere, jeder findet sein Lieblingsobst.

Für Flora und Fauna: Futterquelle für Insekten, Vögel, Kleinsäugetiere, Standort von natürlichen Blumenwiesen als Lebensraum.
Nicht zuletzt dienen die Obstbaumgärten der Ausbildung unserer Nachwuchsgärtnerinnen und Gärtner.

Obstbaumgarten Margarethen am Freinberg

margarethenwegEin ziemlich einzigartiges Projekt zur Erhaltung alter Obstbaumsorten betreibt die Stadt Linz: In fünf Obstbaumgärten werden Sorten herangezogen die vom Aussterben bedroht sind. Durch Aufpfropfen von Zweigen ist es gelungen, vom Aussterben bedrohte Apfelarten, wie zum Beispiel „Kronprinz Rudolph“, „Geheimrat Dr. Oldenburg“ und „Kaiser Wilhelm“, heranzuziehen. Dadurch leistet die Stadt Linz einen Beitrag zur Erstellung eines Genpools für Obstsorten. Und ein netter Nebeneffekt: Die Früchte dürfen zur Reifezeit gratis gepflückt und deren Fallobst geklaubt werden.

tafelWir besuchten den ältesten dieser Gärten am Margarethenweg Richtung Zaubertal. Er wurde 1998 auf einer Größe von 7.700 m² angelegt und beherbergt ca. 100 Bäume. Neben den schon genannten Apfelsorten gedeihen dort seltene Birnensorten wie die „Gräfin von Paris“, sowie verschiedene Kirschensorten, Quitten, Mostbirnbäume und Wildobstgehölze. Er ist der einzige der bis jetzt Früchte trägt, die anderen vier Gärten im Hummelhofwald, bei der Feuerwache Nord, am Biesenfeld und am Kampmüllerweg wurden erst zwischen 2008 und 2013 angelegt.

flachs-gulderlingJeder Baum trägt eine Hinweistafeln auf denen der botanische Name, Herkunftsort sowie ungefähres Datum der Erstzucht erläutert werden. Im Bild das Sortenschild eines Tiroler Flachs Gulderling, gezüchtet um 1880 in Schwarz. Jedermann/-frau darf in Haushaltsmengen Früchte pflücken und Fallobst sammeln. Die Stadtgärten weisen darauf hin dass die Bäume und die Natur geschont werden müssen, so wie man es im eigenen Garten machen würde. Bei unserem Besuch haben wir schon heranwachsende Äpfel gesichtet, im Bild Prinzenäpfel.

prinzenapfelEine ausgezeichnete Initiative der Stadt Linz zur Erhaltung der Kulturlandschaft und der Biodiversität.

Anmerkung: Um mehr über alte Obstsorten zu erfahren, empfehlen wir die Obstdatenbank des BUND Lemgo die eine gute Sammlung von Bildern und Beschreibungen alter Obstsorten bietet. Aber auch Wikipedia hat Information zu viele seltene Sorten, hier zB. die Liste aller Apfelsorten.